Klangkunst - Heinz Weber

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Interview von Raphael Wohlfahrt mit Heinz Weber
für das Programmheft zu "IDAs Werden“

Raphael Wohlfahrt: Heinz, könntest du zuerst etwas von dir und deiner Arbeit erzählen?

 

Heinz Weber: Ich bin Klangkünstler, d.h. ich beschäftige mich in meiner künstlerischen Arbeit mit allen möglichen Klängen und Geräuschen, die schon in der Welt sind. Ich habe sehr viel mit "soundscapes“ (Klanglandschaften) gearbeitet, dabei geht es um Fragen "wie klingt eine Stadt – eine bestimmte Landschaft - eine Strasse oder ein Land“. Mein künstlerischer Ansatz ist also, mit Gegenständen, Dingen und komplexen Systemen nicht visuell, sondern akustisch zu arbeiten.

Zu meiner Herkunft: Ich habe schon als Schüler Musik gemacht. Das Aktionstheater habe ich mitgegründet. Nach dem Abitur in Donzdorf habe ich in Hamburg an der Hochschule für bildende Künste "Freie Kunst“ studiert. Schon während des Studiums habe ich die beiden Stränge, zum einen die Musik, zum andern die visuelle Kunst zusammengebracht, indem ich mich mit der Klanglichkeit meiner Umwelt auseinandergesetzt habe.

 

"Idas Werden“, eine Zusammenarbeit mit dem Aktionstheater Donzdorf ist für mich eine neue Situation und ein spannendes Abenteuer, weil es sich hierbei sowohl um eine eigenwertige Klangkomposition wie auch um eine klangliche Bearbeitung von Spielszenen in dem räumlichen Kontext "Theater“ handelt.

 

RW: Woher kennst du Gerhart Kraner, unseren Regisseur? Wie kam die Idee zur Zusammenarbeit bei diesem Stück zustande?

 

HW: Gerhart Kraner kenne ich aus meiner Schulzeit am Rechberg-Gymnasium, an das er Anfang der siebziger Jahre als Kunsterzieher kam. Ich war Mitglied in einer Jugendgruppe, in der es den Wunsch gab, Theater zu spielen. Gerhart hatte in seinem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie bereits Aktionstheater gemacht und so kam es, dass er mit uns das Aktionstheater Donzdorf gründete und bis heute das Theater kontinuierlich weitergeführt hat. Ich bin zwangsläufig nach dem Abitur ausgeschieden, aber die Beziehung zu dem Theater und die Freundschaft zu Gerhart blieben weiter bestehen. Wir hatten schon länger die Absicht, einmal wieder ein gemeinsames Projekt zu machen. Im Mai 2007 beim Internationalen Theaterfestival in Donzdorf habe ich im Foyer der Stadthalle eine Klanginstallation realisiert mit einer täglichen einstündigen Live-Performance. Gerhart hatte die Idee, zu diesem Klangmaterial ein Theaterstück zu entwickeln. Ich erwiderte ihm damals: "Gerne, dann aber nicht nur auf der Grundlage dieses Performance-Materials, sondern wir arbeiten zusammen – ein Theaterstück und ein Klangstück.“ Das war der Anfang.

 

RW: Wie waren Arbeitsprozess und Zusammenarbeit in der Distanz Berlin – Donzdorf?

 

HW: Von der Form her relativ abstrakt. Ich konnte natürlich an der unmittelbaren Entstehung der Spielszenen nicht teilhaben, habe aber im Grunde genommen den gleichen Prozess, nur mit den Klängen und der Musik parallel gemacht. Die gemeinsame Grundlage war das Konzept zu "Idas Werden“, das damals in Schönau von Gerhart und drei weiteren Mitgliedern des Aktionstheaters erarbeitet wurde. Ich habe immer noch diese allererste Textfassung, auf deren Grundlage ich die einzelnen Szenen klanglich bearbeitet habe.

 

RW: Wie kommst du denn an deine Klänge, wie kommen sie zustande?

 

HW: Ich versuche, zwei Antworten zu geben. Zuerst war diese Performance im letzten Jahr beim Theaterfestival. Da hatte ich schon Material vorbereitet, speziell für dieses Stück. Der Titel lautete "Lauter Wasser“ – ein Spiel mit der Mehrsinnigkeit von "lauter“: un"lauterer“ Wettbewerb, Gegenteil von "leiser“, "lauter dummes Zeug und natürlich der Name des Flusses, der durch Donzdorf führt und Namensgeber des ganzen Tals ist: die Lauter. In gewissem Sinn eine Reminiszenz an meine Herkunft.

 

Aus dieser Grundidee ergab sich verschiedenes Klangmaterial, das ich für "Idas Werden“ verwenden konnte. Zum einen ist es das Geräusch von Wasser, ein Thema, mit dem ich mich schon sehr viel beschäftigt habe und das in meinen Arbeiten immer wieder auftaucht. In "Lauter Wasser“ wurde es erweitert um die Geräuschgruppen "Flussbett – Synonym: Steine“ und "Ufer – Synonym: Pflanzen“. Eine weitere Materialgruppe bezog sich auf die Situation im Foyer der Stadthalle. Es befinden sich dort zahlreiche Zierpflanzen, die ich akustisch in meine Arbeit mit einbeziehen wollte. Kleine Piezo-Lautsprecher in den Pflanzen installiert erzeugten eine Klangfläche mit sehr leisen aber intensiven Geräuschen. Als Beispiel sei das Summen einer Fliege genannt, das in der "Ida“ zufallsbestimmt immer wieder zu hören ist.

 

Das gesamte Material von "Lauter Wasser“ liegt in "Idas Werden“ unter der Oberfläche der physischen Wahrnehmbarkeit. Es kann hervorgehoben und hörbar gemacht werden, es kann aber auch nur darunter liegen und in rein virtueller Existenz am musikalischen Geschehen teilhaben.

 

Zu Beginn der kompositorischen Arbeit habe ich mit allen Spielern der Theatergruppe eine Hörumfrage gemacht, bei der sie die Klanggruppen aus "Lauter Wasser“ den einzelnen Spielszenen in "Idas Werden“ zuordnen sollten. Diese Ergebnisse habe ich ausgewertet und so eine erste Struktur für die Komposition erhalten.

 

Die zweite Antwort auf deine Frage bezieht sich auf die weiteren Kompositionsschritte und das Klangmaterial, das neben "Lauter Wasser“ neu hinzugekommen ist. Ich habe die insgesamt 8 Spielszenen in "Idas Werden“ einzeln bearbeitet und mich zunächst auf die Inhalte bezogen und habe dafür Klangmaterial zusammengetragen, teilweise aus meinem Archiv, teilweise wurde neu produziert. In der 7. Szene wird z.B. fast nur mit Stimmenmaterial gearbeitet. Die Idee dafür existiert schon etliche Jahre und ich fand nun in dieser Szene eine geeignete Möglichkeit, sie zu realisieren.

 

Das Theaterstück "Idas Werden“ ist meine inspirative Vorlage für eine eigenständige Klangkomposition. Es geht nicht darum, Spielszenen akustisch effektvoll zu illustrieren. Unsere Arbeit ist vielmehr eine Versuchsanordnung, ein Experiment von einem Zusammenwirken zweier autonomer Ebenen: Spiel und Klang.

 

Für diese Versuchsanordnung war ein gemeinsames Koordinatensystem erforderlich, mit dem man arbeiten konnte. So waren z.B. Zeitlängen, Klangdichte, Dynamik und die Auswahl und Anordnung von Materialgruppen mit der Dramaturgie des Spiels abzugleichen.

 

RW: Wie sieht deine Bereitschaft aus, wieder mit uns zu arbeiten? Wenn ja, glaubst du nicht, dass sich Dinge wiederholen würden? Was kannst du dir da für ein Konzept vorstellen?

 

HW: Die Arbeit sowohl an "Lauter Wasser“ im letzten Jahr wie auch jetzt an "Idas Werden“ war für mich äußerst interessant und mit der Theatergruppe zusammenzuarbeiten hat mir viel Freude gemacht. Künstlerisches Arbeiten ist eine Auseinandersetzung mit Problemen, ein Versuch, Fragen zu beantworten. Und ein gutes Kunstwerk ist eines, aus dem sich neue Fragen und neue Probleme ergeben. Von daher ist es für mich schon denkbar, die Arbeit mit euch in irgendeiner Form weiterzuführen.

 

Das Aktionstheater hat sich in seinen über 30 Jahren ein sehr grosses Spektrum an Theaterformen erarbeitet und ihr habt sicher schon einiges für die nächste Zukunft in Planung, was stilistisch wieder in andere Richtungen weist. Bei meinen nächsten Projekten ist es ebenso. Aber als Künstler hast du einen ziemlich grossen Hinterkopf mit viel Platz für alle möglichen Ideen, die dann irgendwann zu ihrer Zeit zum Vorschein kommen und vielleicht auch in die Welt gebracht werden können. Das ist nicht ausschliesslich die Sache von uns Künstlern, denn unsere Hinterköpfe und was darin lagert sind umsonst, aber das "in die Welt bringen“ kostet auch Geld und wer hierzu Entscheidungen zu treffen befugt ist, auf dem lastet eine hohe Bürde der Verantwortung um die Kunst. Und Kunst ist nicht zu verwechseln mit dem, was mehrheitlich gerne als Kunst gewünscht wird.

 

Vielleicht treffen wir uns irgendwann mal auf einer "Bühne“ auf der ich mehr beheimatet bin und experimentieren mit Raum- und Klanginstallationen, in denen Spielaktionen und Performances eingebaut werden oder grosse Spielformen in Aussenräumen. Vorstellen kann ich mir da eine ganze Menge, die Hinterköpfe sind gut gefüllt.