Klangkunst - Heinz Weber

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CrelleKlang

Eine Klanginstallation für 29 Lautsprecher
über eine Strecke von 200 m

Crellestr. 5 – 17, Berlin-Schöneberg

2. Juli bis 31. Dezember 2011 täglich um 18:00 Uhr

Struktur und Komposition

1. Struktur
Ich verstehe die Installation als eine Skulptur, die - ausgehend von einer Linie aus 29 Lautsprechern – ihre Ausdehnung nicht primär im Raum, sondern in der Zeit erfährt. Durch diese zeitliche Dimension aber gestaltet und beschreibt sie den Raum. Sie führt den Besucher in ihrem zeitlichen Verlauf von der Mitte der Lautsprecherlinie zu ihren Enden.
Grundlage der Arbeit sind Buchstaben und Zahlen, die sich ableiten aus der thematischen Situation der Ausschreibung:
„C R E L L E“ hat die Buchstabenwerte 3 – 18 – 5 – 12 – 12 – 5
(bei A = 1; B = 2; C = 3 usw.)

Die Reihe von 29 Lautsprechern erstreckt sich über 16 Häuser
(Crellestr. 2 – 17)

Eine frei gewählte Jokerzahl 11 kann beliebig eingesetzt werden oder wird nach ihrem Wert in die Zahlenreihe eingefügt:
3 – 5 – (11) – 12 – 16 - 18 – 29

Die in Crelle enthaltenen Buchstaben C und E bezeichnen direkt einen Tonwert in der 12-Tonskala.

Eine weitere Entsprechung findet sich in einer Überlagerung der 12-ton Skala mit dem Alphabet:

A

B

H

C

Cis

D

Dis

E

F

Fis

G

Gis

A

B

C

D

E

F

G

H

I

J

K

L

M

N

O

P

Q

R

S

T

U

V

W

X

Y

Z

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

Dieser Prozess generiert die Tonfolge H – Cis – D – Gis

August Leopold Crelle war Mathematiker. Als Synonym hierfür habe ich mir erlaubt, aus dem schier unerschöpflichen Fundus einer präzisen mathematischen Zahlenreihe (also nicht als Resultat eines aleatorischen Prozesses!), der Zahl π, die ersten 400 Stellen nach dem Komma für die Ermittlung von Tonwerten, Materialgruppen und Positionsbestimmungen zu verwenden.

Für weitere Kompositionsschritte habe ich die grafische Qualität der in Crelle enthaltenen Buchstaben C R und E verwendet (L ist grafisch in E enthalten und wird nicht extra berücksichtigt).

Die Grundstruktur der gesamten Komposition bildet das C. Es bestimmt in einem Raum (Lautsprecher) / Zeit – Diagramm die aktiven Phasen eines jeden Lautsprechers und bildet dabei die Choreografie der Klanginstallation. Die Buchstaben E und R wurden in Diagrammen zur Ermittlung bestimmter Parameter ausgewertet.

2. Material

Die Komposition besteht aus 3 Materialgruppen, die mit Chorstimmen realisiert werden sollen und einer weiteren Gruppe „Anwohner“. In meinem Konzept vom 2. Februar 2011 habe ich die Begriffe

Zitat:
a. „Steher“ – monolithische Klanggruppen (...) mit dem Tonmaterial „c“ und „e“ (in allen Stimmgruppen: Bass, Tenor, Alt, Sopran)
b. „Läufer“ – lineare melodische Bewegungen mit dem Tonmaterial „cis“, „d“, „gis“, „h“ (in allen Stimmgruppen)

verwendet. Eine weitere Gruppe für Stimmen ist

c. „zisch & roll“ – phonetisches Substrat der Konsonanten
C (tzzzsssseeeee) und R (rrrrrr... ein Festival in der Mundhöhle für den, der’s kann – ich hoffte, bei den ChorsängerInnen auch einen Franken anzutreffen).

Jede Gruppe hat bestimmte Aktionsfelder (siehe Partitur: Felder) Die Felder sind in ihrer Summe so lange wie die Pausen. Jedes Feld ist ein „optionaler Klangraum“, d.h. das Material für jedes Feld ist auskomponiert, muss aber nicht bzw. kann nur bedingt in Erscheinung treten. Sie bilden eine Art Fundus, auf den ich zugreifen kann.

d. „Anwohner“ – es gibt in der Crellestr 2 – 17 insgesamt 180 Wohn- bzw. Gewerbeeinheiten. Alle Anwohner werden eingeladen, einen Klang zu der Installation beizutragen: ein typisches Geräusch in ihrer Wohnung, ein Lieblingsklang von der Strasse, Musik, selbst gespielt oder vom Chor realisiert, ein kurzes statement ins Mikrofon gesprochen – jeder erhält die Möglichkeit zu einem kurzen Beitrag.

Beim Vorentscheid der Jury kam es zu einer kleinen Irritation: versehentlich erhielten einige Juroren nicht das von mir eingereichte Audiomaterial, statt dessen „Samba“. Ich finde diese Begebenheit sehr schön und möchte sie aufgreifen, indem an 3 Stellen in kurzen Fragmenten „ein Hauch von Samba“ entlang des Lautsprecherparcours aufflattert.

Realisation
Lautsprecher (5-er Gruppen)
Nach meiner bisherigen Hörerfahrung gehe ich davon aus, dass in der vorliegenden Lautsprecheranordnung ein Radius von 15 m noch ein differenziertes Hören ermöglicht, d.h. wenn man vor einem der installierten Lautsprecher steht, nimmt man noch die beiden linken und die beiden rechten Lautsprecher wahr, also eine Gesamtstrecke von ca. 30 m. Weitere Entfernungen werden vermutlich den gesamten Höreindruck nicht mehr wesentlich formen. Ich werde in allen Materialgruppen räumliche Dehnungen auf maximal 5 Lautsprecher reduzieren (dies ist auch die Minimalbreite des Hörfeldes zu Beginn und am Ende der Arbeit). Je nach Ausdehnung des aktuellen Hörfeldes wiederholen sich diese 5-er Gruppen. Innerhalb einer Gruppe sind alle 5 Klangspuren gleichwertig, es gibt also kein Zentrum und damit wird die Position des Hörers innerhalb des Klangfeldes beliebig, d.h. vom Klanggeschehen nicht gesteuert. Eine Bewegungschoreografie des Hörers ergibt sich lediglich aus der Choreografie der Gesamtkomposition (siehe Partitur-Zeichnung).

SängerInnen
Die einzelnen ChorsängerInnen werden aufgefordert, einzeln die Töne C und E, sowie Cis – D – Gis – H in einigen Variationen und in unterschiedlicher Dauer zu singen.
Nach Belieben einige Kurzimprovisationen.
Jede(r) artikuliert verschiedene Zisch- und Roll-Laute.


Felder / Zeittabellen

Steher
Gegeben ist die Anzahl der einzelnen Stimmen und das Verhältnis C und E. Die Bestimmung erfolgt aus der Ableitung der Grafik von E und R (siehe „Zeit / Dichte-„ und „Zeit / Prozent-Diagramm“). Die Variation der Einzelstimmen und die Klangfarbe (Schichtung) der Einzelstimmen entlang der Lautsprecher ist frei wählbar.

Läufer
Mit der Ziffernfolge der ersten 400 Kommastellen von π wurden sowohl die Tonwerte (Cis – D – Gis oder H) als auch die Positionen in einer 5er-Lautsprechergruppe ermittelt (siehe Tabelle „Läufer“ – LS Position in 5er-Gruppe + Tonwert). Die Tondichte: min 1 Ton/sec – max. 7 Töne/sec ergibt sich aus der Grafik des Buchstaben E (siehe Töne / Sekunden Diagramm).

So ergibt sich z.B. für das erste Feld „Läufer“ eine Dauer von 5 sec und eine Dichte von 35 Töne, Nr. 1 – 35 aus der „Melodie-Helix nach π
(--> Tabelle).

Rhythmische Strukturen (Zeitabstände) und Tonhöhen (Oktavierung) sind frei wählbar.

Zisch & roll
Wie bei „Läufer“ wird hier die Stimmlage und die Positionierung über die „π-Helix“ festgelegt. Die Dichte der zisch- und roll-Laute wird aus dem --> „Zeit / Dichte Diagramm“ ermittelt.

Auch hier sind rhythmische Strukturen (Zeitabstände) und Klangmaterial (innerhalb der benannten Stimmlage) frei wählbar.