Klangkunst - Heinz Weber

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Westbound Passage

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Westbound Passage

Klanginstallation, 2000

Westbound Passage ist ein Stück, bei dem der Raum zu einer klanggestaltenden Komponente wird. Dies geschieht durch Klangbewegung im Raum.

 

1. Kontext

Ansatz dieser Arbeit ist, "soundscape" als künstlerisches Genre über die dokumentarische Bestandsaufnahme von geografischen Klangräumen, von Klangbildern eines geografisch/politisch definierten Gebietes hinaus zu erweitern. Es geht dabei um die Frage nach neuen Ordnungssystemen des Klangmaterials

 

Das "soundscape" von Westbound Passage ist die Distanz zwischen der "Alten" und der "Neuen Welt". Diese Distanz scheint mir in der historischen Dimension viel interessanter als in der geografischen und so habe ich nicht die Klanglichkeit des Atlantischen Ozeans bearbeitet sondern die erste Überfahrt von Christoph Kolumbus.

 

2. Thema

Die Figur Kolumbus, die Entdeckung Amerikas und die Tatsache, dass Kolumbus diese Entdeckung nie machen wollte zeigt Parallelen zu einem Kernthema dieser Klangarbeit, der Frage nach Irrtum, Wirklichkeit, Straffen und Dehnen von Wirklichkeiten - von Klangwirklichkeiten, Hörwirklichkeiten.

 

Kolumbus' Vision, den Seeweg nach Indien (Kathei) zu entdecken, war gekoppelt an zahlreiche Fehler, Fälschungen und hartnäckige Fehlinterpretationen. Doch in einer Situation, in der Wahrheit nicht definiert, sondern rein spekulativ ist, gibt es keine Fehler oder Fälschung. Nachdem er Land entdeckt hatte glaubte er, sein Ziel erreicht zu haben: "Aber dazwischen lag das unbekannte und unvorstellbare Amerika. Aus diesem Grund konnte Kolumbus Indien nicht finden, hätte es niemals finden können; Amerika stellte sich ihm als Hindernis in den Weg."

(Gianni Granzotto, "Christoph Kolumbus", 1984)

 

Während der Passage 1492 berechnete Kolumbus täglich die zurückgelegte Entfernung und trug die Messergebnisse in sein Logbuch ein. Seiner Mannschaft hingegen gab er stets geringere Entfernungen an. Kolumbus schreibt in sein Logbuch:

Sonntag, den 9.September 1492

An diesem Tag kamen wir außer Sichtweite von Land, und viele Männer jammerten und weinten vor Angst, es für lange Zeit nicht wieder zu erblicken...Um sie in ihrer Hoffnung zu stärken und ihre Ängste zu zerstreuen, entschloß ich mich, weniger Meilen zu zählen, als wir tatsächlich zurücklegten. Ich verfuhr in dieser Weise, damit sie die Entfernung von Spanien nicht für so weit halten, als sie tatsächlich ist. Ich werde für mich selbst eine vertrauliche und zutreffende Aufstellung führen.

 

3. Klangmaterial

Für das Klangstück Westbound Passage habe ich 2 Materialgruppen gewählt als Synonyme für die vektoralen Bewegungsmodule Hinreise / Rückreise - von Europa nach Amerika / von Amerika nach Europa.

 

Kolumbus kam aus der Alten Welt in die Neue Welt.

Die Kartoffel kam von der Neuen Welt in die Alte Welt.

 

Die "Überfahrt" als soundscape-Thema hätte im direkten Sinn den Klang des Ozeans bedeutet. Als "erweitertes soundscape" verwendete ich ausschliesslich Textmaterial (Auszüge aus einer Kolumbus-Biografie und aus dem Logbuch).

 

Die "Klanglichkeit der Kartoffel": das sind Geräusche aus der Küche, vom Waschen und Schälen der Kartoffeln bis zur Zubereitung von Kartoffelgerichten.

 

Das Schälen und Schneiden von Kartoffeln ist heute noch zumeist ein analoger Vorgang - ein Hauptthema der Klangarbeit ist das Erforschen digitaler Schnittmöglichkeiten.

 

4. Komposition

Kolumbus´ Lüge, die tatsächlich gemessenen Wegstrecken und die für seine Mannschaft gefälschten Angaben und dazu noch differierende Angaben bei verschiedenen Veröffentlichungen des Logbuchs ergeben bei einem grafischen Vergleich Differenzwerte. Diese Werte auf eine Zeitachse übertragen ergeben eine Basispartitur für eine Schichtung von Materialblöcken. In folgenden Arbeitsprozessen wird das Material mehrfach gefiltert. Das Ergebnis ist ein stereofoner Mastermix.

 

5. Raum - Realisation

In der Raum-Realisation mit insgesamt 8 Lautsprechern bewegt sich das Klangmaterial (Mastermix) von einem Lautsprecherpaar zum nächsten. Die 8 Lautsprecher sollen vom gleichen Typ sein, der Lautstärkeverlust durch die zunehmende räumliche Entfernung soll durch entsprechende Aussteuerung der einzelnen Lautsprecherpaare so geregelt sein, dass im Bereich des Auditoriums alle Lautsprecher gleichlaut erklingen.

 

Die unterschiedliche Distanz zwischen den einzelnen Lautsprecherpaaren und dem Hörer - der Raum selbst - wird in dieser Installation zu einem klanggestaltenden Parameter.